Gemeinsam für eine bessere
medizinische Versorgung in Ostafrika

Bericht vom Mai 2018

 

Die letzten Besuche in Uganda waren von aufeinanderfolgenden Notfallereignissen geprägt, doch der Besuch im Mai verlief äußerst entspannt und organisiert. Unser neue Stationsleiterin Florence Sewava holte mich vom Flughafen ab und hatte alles wirklich perfekt vorbereitet! Sie hatte die neu angemietete Station schon mit vielen wichtigen Dingen ausgestattet. Ich selber habe drei vollgepackte Notfallrucksäcke und eine große Tasche mit EKG-Geräten und Kleinmaterial mitgebracht. Viele Dinge, doch bei Weitem nicht genug, um alle Erfordernisse abzudecken.

 

Einige Vorbereitungen mussten getroffen werden

Die ersten Tage verbrachte ich damit, mit ihr die Medikamente und Geräte einsatzfähig in die Notfallrucksäcke, in die Reserverucksäcke und in die Einsatzfahrzeuge zu packen und einen Medizinvorratsschrank zu bestücken. Vieles kennt sie noch nicht, weil es in Uganda nicht zu bekommen oder nicht populär in der Anwendung ist. In Zukunft soll sie diese Aufgabe alleine ausführen können. Auch das Büro musste noch eingeräumt, Computer, Drucker und Internet angeschlossen werden. Das erste Gästezimmer für Gastärzte hatte sie bereits fertig eingerichtet. Die fälligen Reparaturen der Fahrzeuge erledigten wir unter meiner Aufsicht, um unsinnige Maßnahmen zu vermeiden.

 

Unser Fahrzeugpool wächst

Nun haben wir ein einsatzfähiges Mehrzweckfahrzeug und einen fertig bestückten Notarztwagen, den wir in den abgelegenen Dörfern auch als mobile Arztpraxis nutzen können. Er hat ein kleines Zelt, eine Sitzbank, einen Tisch, einen Stromerzeuger, umfangreiche Medikamente und Diagnosetechnik an Bord. Dies ist der erste Prototyp dieses multifunktionalen Fahrzeugs, dessen Ausstattung wir ständig optimieren.

In Kürze werden wir ein weiteres Fahrzeug dieses Typs ausrüsten. Die Inbetriebnahme der mobilen ärztlichen Versorgung in den Dörfern ist einer der wichtigsten Schritte auf unserem Weg zu einer nicht kostengebundenen Basisversorgung in Uganda. Auch müssen wir noch mehr Ärzte für unsere längerfristigen Dienste innerhalb dieses Projektes gewinnen.

 

Wertvolle Neuzugänge

In wenigen Wochen wird ein weiterer Notarztwagen aus Deutschland eintreffen, den wir schon dort für die besonderen Bedürfnisse in Uganda umgebaut und mit zusätzlicher Technik ausgestattet haben. Lediglich die Nachrüstung mit LED Scheinwerfern, Bullenfänger und Offroadbereifung ist wesentlich preisgünstiger in Uganda. Für drei weitere Ambulanzfahrzeuge stehen wir mit einem Händler in Kampala in Kaufverhandlungen.

In Hamburg warten drei Rettungswagen und ein HLF 16 einer Berufsfeuerwehr mit vollständiger Beladung und persönlicher Schutzkleidung für zwanzig Feuerwehrleute auf ihren Transport nach Uganda. Dies ist für Fahrzeuge über 5,0 Tonnen nicht so einfach, wie man es sich zunächst vorstellt.

 

Zusammenarbeit mit Kliniken gestaltet sich schwierig

Es standen noch Gespräche mit verschiedenen Kliniken an, um die besten Optionen für die noch nicht mit eigenen Mitteln zu leistenden Aufgaben ausmachen zu können. Es zeigte sich schnell, dass nicht viele Kliniken dies in der von uns erwarteten Qualität und im von uns gewünschten kurzen Zeitrahmen leisten können.

Es hat sich jedoch herausgestellt, dass der Transport von Probenmaterial mit einem Boda schneller funktioniert als mit unserem Mehrzweckfahrzeug, trotz Blaulicht und Sirene. Es müssen auch noch viele Gespräche über die Weiterbildung von Polizei und öffentlichem Klinikpersonal geführt werden. Viele Ärzte und Kliniken wollen ihre Defizite nicht eingestehen. Hier bedarf es zum Teil zeitraubender Überzeugungsarbeit.

 

Die Bürokratie hat keinen Überblick der realen Zustände vor Ort

Für die Ministeriumsmitarbeiter ist es oftmals nicht einfach, sich einen Überblick zu verschaffen. Viele Krankenhäuser haben auf dem Papier viele Geräte, schaut man sich aber vor Ort um, stellt man fest, dass diese schon seit vielen Jahren kaputt sind oder schon vor langer Zeit entsorgt wurden.

Vor diesem Hintergrund wird die Situation der Krankenhäuser oft falsch eingeschätzt. Es Bedarf in einigen Fällen eines persönlichen Besuches im Ministerium und der Vorstellung eines Videos von der tatsächlichen Situation in den Krankenhäusern, bevor man versteht, dass dort Handlungsbedarf besteht. In der Konsequenz wird dann auch die Hilfe angenommen.

 

Korruption ist Gang und Gäbe in Uganda

Ein weiterer zeitraubender Faktor ist die Kontaktpflege mit den verschiedenen Regierungsvertretern, welche zunächst immer davon ausgehen, man habe politische oder wirtschaftspolitische Einflussnahme geplant. Generell findet unser Konzept für den Aufbau einer kostenlosen medizinischen Grundversorgung und eines landesweiten zentral gesteuerten Rettungsdienstes, der für sozial schwache Bürger ebenfalls kostenlos ist, eine sehr positive Resonanz.

Unser Konzept zur Refinanzierung findet auch sehr große Zustimmung. Die vielen Versuche verschiedener Organisationen auf betrügerischem Wege Fördermittel und Steuerbefreiungen zu erschleichen, haben ein Klima des Misstrauens gegenüber fremden Organisationen geschaffen, das es zunächst zu überwinden gilt. Die Bürokratie dieses Landes steht der in Deutschland in nichts nach.

 

Weiterbildung wird von den Ärzten zunächst mit Argwohn betrachtet

Ärztliche Qualifikationen infrage zu stellen schafft gerade in größeren Krankenhäusern schnell „böses Blut“. Es braucht viel Zeit und viele Beispiele von Fehleinschätzungen, um die Ärzte dort für unsere Weiterbildungen zu gewinnen. Hat man das Eis dann endlich gebrochen, verläuft die Zusammenarbeit äußerst produktiv.

Nach dem Besuch der Makere Police ergab sich ein interessanter Kontakt zu dortigen Ausbildungsverantwortlichen der Makere Universität, den wir in Zukunft ausbauen und mit interessanten Angeboten ausfüllen wollen. Auch wenn der Schulungsbedarf zurzeit noch unsere Dozentenkapazität übersteigt, so versuchen wir dennoch einen Weg zu finden, den Anforderungen gerecht zu werden.

 

Die Situation auf den Straßen ist schwierig

Es ist unglaublich voll in dieser Stadt Kampala. Vier oder fünf Stunden im Stau zu stehen ist keine Seltenheit. Straßenverkäufer vertreiben uns dabei die Zeit. Unfreiwillig werden wir dabei mit der Situation der Straßenkinder in Kampala konfrontiert. Es ist nicht einfach, hier helfend einzugreifen. Hier verbirgt sich ein Hintergrund, über den wir an anderer Stelle nochmals detailliert berichten werden.

Wir hoffen, dass die Zusammenarbeit mit UNICEF sich in Zukunft fruchtbar gestalten wird und wir bald weitere Angebote für Adoptionsfamilien finden. Noch spielen Drogen in dieser Szene eine untergeordnete Rolle. Aber auch dies ist sicher nur eine Frage der Zeit! Wir haben fast jeden Abend circa fünfzig kleine Lunchpakete dabei. Erscheint der Wagen gegen Abend an einer bestimmten Kreuzung in Kampala, genügt ein kurzes Antippen der Sirene und sie sind alle da, um eines der begehrten Päckchen zu ergattern.

 

Unterstützung für örtliche Krankenhäuser

Wir verbringen in diesen Tagen viel Zeit mit Terminen für Versicherungen und Papierkram, aber auch diese Dinge haben ihren Stellenwert, auch wenn ich viel lieber raus in die Dörfer fahren würde. Wir besuchen auch die Notaufnahme des Mulago Hospitals. Es ist das am stärksten frequentierte staatliche Krankenhaus in Kampala.

Auch wenn ein moderner Neubau in Arbeit ist, lässt sich nicht darüber hinweg täuschen, dass es hier an allem fehlt. Vieles gelingt trotzdem, aber vieles endet auch im Chaos! Wir wollen versuchen, möglichst jeden Tag einen zusätzlichen Notarzt und einen Rettungsassistenten dort abzustellen. Der dortige Bedarf an Versorgungsmaterial sprengt zurzeit noch unsere Nachschubkapazitäten, aber wir werden Lösungswege erarbeiten.

Die Modalitäten müssen wir noch mit der dortigen Klinikleitung besprechen. Auch hier war eine ganze Menge an bürokratischen Hemmnissen zu überwinden. Bei jedem Besuch wird zunächst unser Einsatzfahrzeug von den Schwestern „geplündert”. Aber auch wenn man es vorher bis zum Bersten vollpackt, bleibt dies ein Tropfen auf dem heißen Stein!

Die Materialhilfe für das Mpigi Krankenhaus wird in Kürze in Hamburg verladen. Wir haben noch lange nicht alle Geräte auf der langen Liste der für das Mpigi Hospital beschaffen können, aber auch im nächsten Container wird es wieder einige Kisten für Mpigi geben. Aber für das Kamwenge Health Center habe ich schon ein neues EKG-Gerät im Gepäck, welches ich dem Chefarzt übergebe und das Personal in die Bedienung einweisen werde.

 

Die Einsätze im Umland verlangen unseren Fahrzeugen einiges ab

In meiner letzten Aufenthaltswoche steht nun der Besuch der Station in Kamwenge auf dem Programm. Nach circa vier Stunden Fahrt auf der Fort Portal Road bis Kyenjojo folgen weitere drei Stunden auf unbefestigter Piste nach Kahunge, von dort aus über die Fort Portal - Mbarara Road nach Kamwenge. 30 Kilometer über kleine Feldwege und ich erreiche das abgelegene Dorf, aus dem unsere Mitarbeiterin Alice stammt.

Auf vielen dieser Wege sind normalerweise nur die Bodataxis unterwegs. Es ist eine Herausforderung, dort mit einem breiten Geländewagen seinen Weg zu finden. Auch wenn dies bei trockenem Wetter noch ganz gut beherrschbar erscheint, so ändert sich dies bei Regenwetter schlagartig und stellt hohe Anforderungen an die Geländebereifung und das fahrerische Können!

 

Nicht nur die medizinische Lage ist problematisch

Alices Vater ist der Direktor der Dorfschule. Es ist ihm ein wichtiges Anliegen, mir die Schule zu zeigen und über die dortigen Probleme zu berichten. Unsere Besichtigung zeigt, dass es in Uganda in allen Bereichen Handlungsbedarf gibt. Ich werde versuchen eine Patenschule in Deutschland zu finden, die bei der Weiterentwicklung der Schule helfen kann. Es übersteigt unsere Möglichkeiten, auf allen Ebenen tätig zu werden.

Wenn ich bei Alices Eltern übernachte, bauen wir bereits im Morgengrauen mit Alice die mobile Praxis auf. Kaum erscheinen die ersten Sonnenstrahlen am Horizont, bildet sich schon eine lange Warteschlange von Hilfesuchenden aus der Umgebung. Alices Mutter bringt uns Frühstück, bevor wir mit der Arbeit beginnen. Ohne Strom und Trinkwasser zeigt sich das wahre Gesicht Ugandas und man beginnt, das Leben der Menschen dort besser zu verstehen. Die einfachen und für uns Europäer so selbstverständlichen Dinge treten in den Vordergrund und bestimmen den Tagesablauf.

Es ist kaum zu schaffen sich für das Treffen mit den Kollegen im Kamwenge Health Center gegen Mittag zu verabschieden. Die Schlange der Hilfesuchenden ist auf mehr als hundert Meter angewachsen. Wir werden bei unserer Rückkehr so lange mit unserem Stromaggregat Licht produzieren und weiter machen, bis der letzte Wartende behandelt ist.

In Kamwenge werden wir schon freudig erwartet. Leider konnte ich im Flugzeug nur kleinere und nicht so schwere Geräte transportieren, der Rest muss mit dem Container nach Uganda kommen. Wir kommen mit dem dringend erwarteten EKG Monitor Ersatzgerät für den OP und haben viele kleine Dinge wie Stethoskope, Pulsoxymeter, Sam Splint Schienen und Staubänder mitgebracht. Es ist wieder nur ein kleiner Schritt innerhalb dieser großen Aufgabe! Eilig haben wir den Weg zurück ins Dorf gefunden, wo wir noch zwei Tage unsere Mobilpraxis betreiben.

 

Schwere Autounfälle sind an der Tagesordnung

Am Abend des zweiten Tages ist es Zeit die Rückreise anzutreten, bevor die Dunkelheit die Geländestrecke zu einer schwierigen Passage macht. Einige Kilometer hinter Kahunge erreicht uns der Anruf unserer Station, es habe auf der Straße von Mpanga nach Kamwenge einen schweren Verkehrsunfall gegeben. Eine Frau sei von einem Lastwagen überfahren worden. Wir ermittelten schnell, dass der Unfallort über 20 Kilometer von unserer Position entfernt lag. Nur ein Teil des Anfahrtswegs ist über eine Straße zu erreichen, fast die Hälfte ist unbefestigte Lehmpiste.

Bei schnellen Sondersignalfahrten abseits der Straßen kommen uns unser Offroadfahrwerk und die Geländebereifung zugute und ermöglichen uns eine schnelle Anfahrt. Als wir die Unfallstelle erreichen, ist die Abenddämmerung schon fortgeschritten und wir sind froh auf unsere Unfallstellenausleuchtungsanlage zurückgreifen zu können. Wir stellen fest, dass ein zweites Fahrzeug am Unfall beteiligt ist, dessen Fahrer im Fahrzeug eingeklemmt ist, aber keine so schweren Verletzungen davon getragen hat. Zwei Polizisten öffnen die Türe mit unserem Rettungsspreizer und befreien den Mann.

 

Eine Reanimation gelingt nur selten

Die Frau ist nicht bei Bewusstsein und atmet kaum noch. Sie ist etwa Mitte zwanzig, hat eine Menge Blut verloren und bestimmt auch innere Blutungen. Außer Platzwunden stellen wir in der Erstanamnese diverse Rippenbrüche, Schlüsselbeinfraktur, einen frakturierten Unterarm und eine größere Weichteilverletzung im Bereich des linken Oberschenkels fest bei der wir zunächst keinen Frakturausschluss bestätigen können. Trotz zweier Zugänge mit Ringer und HAES-Infusionen kommt es kurz darauf zu einem Kreislauf Stillstand.

Herzstillstände als Folge eines Traumas sind generell hoch problematisch und führen auch in Europa oft zum Tod des Patienten. Unser Fahrzeug ist mit zwei biphasischen Defibrillatoren ausgestattet. Nach Medikamentengabe und schnell laufender Infusionen waren wir im zweiten Anlauf erfolgreich mit der Reanimation. Für Uganda ein Zauber. Die Umstehenden waren fassungslos! Defibrillatoren sind in Uganda so gut wie unbekannt und nur in wenigen Kliniken zu finden. Nun war die Sirene der angeforderten Ambulanz aus Fort Portal zu hören.

 

Unsere Hilfe rettet nicht nur Leben, sondern Existenzen

Zwei Tage später erfuhr ich durch einen Anruf des Ehemannes, sie sei über den Berg aber er sei sehr verzweifelt. Er habe gehört, dass zwei Rettungsfahrzeuge und ein Notarzt an der Unfallstelle im Einsatz waren und er habe noch keine Ahnung, wie er das Krankenhaus und dann auch noch den Rettungseinsatz bezahlen solle. Er hätte vor einem Jahr einen Arbeitsunfall gehabt und sich ein Bein gebrochen, das habe schon alle seine Ersparnisse verschlungen und für den Rest habe er sein Auto verkauft.

Er war fassungslos, als ich ihm erklärte, dass der Einsatz des Kilimanjaro Notarztwagens kostenlos ist! Die meisten Medikamente seien von unserem Fahrzeug gekommen und den Ambulanzwagen und das Krankenhaus würde Kilimanjaro Doctors bezahlen. An diesem Beispiel kommt unser Vereinsziel in vollem Umfang zum Tragen, wir versuchen unverschuldete Unfallfolgen nicht zum wirtschaftlichen Zusammenbruch für ganze Familien werden zu lassen!

 

Unsere Anstrengungen tragen Früchte

So ergab sich abschließend noch eine schöne Bestätigung für unser verändertes Ausrüstungs- und Beladungskonzept der Fahrzeuge. So konnte ein multifunktionales Fahrzeug in einem Einsatz als mobile Arztpraxis, mobile Apotheke, Notarzteinsatzfahrzeug und als technische Unfallhilfe eingesetzt werden, ohne Personal oder Material zu tauschen.

Aktuell ist es unsere größte Aufgabe genügend Multiplikatoren auszubilden. Für diese Aufgabe brauchen wir ausbildungserfahrene Fachärzte und Dozenten, die mehrere Wochen oder Monate in Uganda verbringen können, um dort ihr Wissen weiterzuvermitteln.