Gemeinsam für eine bessere
medizinische Versorgung in Ostafrika

Bericht vom November/Dezember 2018

 

Die Ankunft

Es ist eine recht kühle Novembernacht, als wir in Entebbe landen. Bereits auf dem Weg ins Flughafengebäude begrüßen uns schon die ersten bekannten Gesichter von Flughafenmitarbeitern. Ich versuche für jeden ein paar Minuten Zeit zu finden, um mich in landestypischer Art, nach Befinden und der Familie, zu erkundigen. Die üblichen Kontrollmaßnahmen sind schnell erledigt, man kennt sich und alles geht seinen Gang, in der typischen ostafrikanischen Gelassenheit.

Den Weg von Entebbe nach Kampala, können wir nun zum ersten Mal auf den gerade fertig gestellten Entebbe-Kampala Expressway antreten. Es wurden auf den wichtigsten Fernstraßen moderne Radarbrücken zur Geschwindigkeitsüberwachung errichtet. Für einen Moment fühlt man sich nach Europa zurückversetzt bevor dann Sandpisten und roter Staub einen in die Realität zurückholen. Es erwartet mich ein Berg von Formularen, Genehmigungen, Anträgen und Zertifikaten zur Bearbeitung. Der allgegenwärtige Stau in der Hauptstadt Kampala macht jeden noch so kleinen Termin zur Geduldsprobe - alles läuft wie in Zeitlupe.

 

Ruhigere Wintermonate

November und Dezember verliefen in unserem Einzugsgebiet in diesem Jahr recht ruhig, ohne schwerere Unfälle. Nur einmal, wurden wir Ende November, mitten in der Nacht zu einer Diskothek in Entebbe gerufen. Ein Mädchen befürchtete vergiftet worden zu sein und wurde von unserem Notarzt in das öffentliche Krankenhaus in Entebbe gebracht und dort sorgfältig untersucht, die Befürchtung bestätigt sich jedoch nicht, es handelte sich um eine fiebrige Virusinfektion.

 

Schiffsunglück fordert hohe Opferzahl

Ein Schiffsuntergang im Victoriasee vor Entebbe im Dezember sorgte für einen langen Nachteinsatz für unser Notarzteinsatzfahrzeug. Wir stellten den Sichtungsarzt, der auch als Leitender Notarzt fungierte und eine Psychologin, die an der Anlegestelle bereitstand, an welcher die Toten und Verletzen durch die Wasserrettung angeliefert wurden. Das Unglück ereignete sich noch in Sichtweite des Hafens von Entebbe, so dass recht umgehend Rettungsmaßnahmen eingeleitet werden konnten. Die Zusammenarbeit mit den verschiedenen eingebundenen Rettungskräften, gestaltete sich erfreulicherweise unkomplizierter als wir erwartet hatten. Letztlich bestand unsere Aufgabe aber hauptsächlich in der Todesfeststellung der Opfer und der Beruhigung und Betreuung fassungsloser Angehöriger der Verstorbenen.

Auch an dieser Stelle kommen wird nicht daran vorbei, Kritik an der Ausbildung ugandischer Rettungskräfte zu üben. Gerade bei Ertrinkungsunfällen mit jüngeren Personen, die noch nicht lange im Wasser sind, sollte man nicht allzu leichtfertig eine Todesfeststellung treffen, ohne eine Reanimation unternommen zu haben. So hatte ich bei einer zur „Todesfeststellung“ angelieferten Patientin nach nur einem einzigen Herzdruckmassage-Intervall bereits wieder Puls und Eigenatmung! Wir sind uns darüber bewusst, dass unsere Kritik Emotionen aufwirbelt, dennoch bedürfen es hier dringender Reformen. Insbesondere bei der Vorgehensweise des medizinischen Personals.

 

Opferzahl kann durch einfache Maßnahmen drastisch verringert werden

Die hohe Zahl der Todesopfer gründet sich zum einen auf der Tatsache, dass in Uganda nicht einmal zehn Prozent der Menschen schwimmen können. Das 35 Grad warme Wasser würde einen ausreichenden Schutz vor schnellem Auskühlen gewährleisten, aber die fehlenden Schwimm-Kenntnisse und fehlenden Rettungswesten führten dann doch dazu, dass nur ca. 35 Personen von ca. 150 Passagieren überlebten. Zum anderen fehlt es gänzlich an Kenntnissen der Herz-Lungen-Wiederbelebung bei Rettungspersonal, Armee und Polizei! Wir werden dieses Jahr damit beginnen, spezielle Zielgruppen orientierte Kompaktkurse für diesen Personenkreis anzubieten.

 

Umweltgifte sind nach wie vor ein Problem

Der landesweit übliche sorglose Umgang mit Formalin in großen Mengen, zur Konservierung Verstorbener, wird in dieser Menge mit der Zeit zu einem weiteren Problem werden, da zu viel Formaldehyd in den Biokreislauf gelangt. Hier muss über Alternativen nachgedacht werden, da oft keine technischen Möglichkeiten zur Kühlung vorhanden sind.

Das allgegenwärtige verbrennen von Plastik, bringt ein weiteres vermeidbares Umweltgift – Dioxin – in den Biokreislauf. Die Nutzung von unbeschichteten Aluminiumkochgefässen auf Gaskochern oder Holzkohlefeuer mit sehr hohen Flammentemperaturen  führt zu einer Anreicherung von Aluminiumverbindungen in der Leber, welche in Kombination mit anderen Umweltgiften problematisch sein können! So kommt es vielfach zur unbewussten oder versehentlichen Aufname von Toxinen, die zu Notfallbildern führen, die oft nicht erkannt werden.

 

Fehlende Ausbildungsmöglichkeiten kosten Leben

Ein weiteres landesweites Problem ist die komplett fehlende Notfallausbildung von Krankenhauspersonal und Ärzten! So kommt es häufig zu fatalen Fehleinschätzungen, die nicht selten zum Tode des Patienten führen. Die sogenannte Anamnese und der Bodycheck nach Unfallgeschehnissen und akuten Erkrankungen, wird in den meisten Fällen nicht mehr als minimalistisch durchgeführt. Schwere, lebensbedrohliche Verletzungen, wie Einblutung zwischen den Hirnhäuten, Hirnblutungen, Spannungspneumothorax oder Abdominalblutungen werden einfach übersehen.

Einfachste Basis und Differenzialuntersuchungen oder Blutstillungen werden unterlassen. In den von uns betreuten Häusern versuchen wir Stück für Stück Ärzte und Schwestern in den wesentlichen Maßnahmen der Notfall-und Traumaversorgung so weit zu schulen, dass solche Fehler dort nicht mehr passieren. Auch versuchen wir den Hygienestandart auf ein gutes Niveau zu bringen. Diese Maßnahmen werden dazu beitragen, dass hämorrhagisches Fieber und andere hoch ansteckende Erkrankungen besser beherrscht werden können.

 

Die Liste der benötigten Dinge ist lang

Es besteht ein flächendeckender großer Bedarf an Erste Hilfe Ausrüstungen, Vakuumschienen, Sam Splin Schienen, Schnellverbänden und Stützkrausen. Bergetücher und Bergungsausrüstung in Form von Hebekissen, Blechschere, Brecheisen, Bolzenschneider und Trennjäger sind nur auf unseren Rettungsfahrzeugen vorhanden. Außer in Kampala Stadt kommt auch keine Feuerwehr zur Unterstützung an den Unfallort. Es stehen keine ausgebildeten Helfer für die Unfallbergungen zur Verfügung, daher enden die meisten Unfallbergungen im Chaos. Wir geben unser Bestes, um so viele Hilfsmittel wie möglich zur Verfügung zu stellen.

Auch in den für die Patienten kostenlosen „public Hospitals“ müssen die Medikamente selbst mitgebracht oder aus der Apotheke geholt werden. Diese sind oft in den Ambulanzen oder Behandlungsräumen nicht vorhanden. Bei Notfallpatienten führt dies nicht selten zu vermeidbaren, lebensbedrohlichen Situationen da das benötigte Medikament - selbst wenn es vorhanden ist - erst verabreicht wird, wenn der Patient oder dessen Angehörige das Geld dafür beschafft oder von der Bank oder Verwandten geholt haben. Das gestaltet sich bei den überfüllten und verstopften Straßen alles andere als schnell und kostet wertvolle Zeit, die ein Notfallpatient oftmals nicht hat!

 

Armut darf kein Hinderniss für menschenwürdige Behandlung sein

Einige können den Preis für die Medikamente nicht aufbringen, oder die entsprechenden Verwandten, die es leisten können, nicht so schnell erreichen. Diese Patienten bleiben einfach unbehandelt und versterben nicht selten während der Wartezeit. Es ist eine unserer Hauptaufgaben, zu versuchen, möglichst vielen mittellosen Menschen, in diesen Situationen lebenswichtige Medikamente schnell und kostenlos zugänglich zu machen!

Dies ist eine der Hauptaufgaben unseres kleinen wendigen SUVs. Das Fahrzeug bringt Fachärzte, fehlendes medizinisches Gerät und lebenswichtige Medikamente so schnell wie möglich zu den Erkrankten ins Krankenhaus oder der entsprechenden Gesundheitsstation. Im Stadtgebiet Kampalas organisieren wir den Transport oft mit einem Einsatzmotorrad, um schneller zum Einsatzort zu gelangen.

 

Grob fahrlässiges Verhalten ist an der Tagesordung

Außerdem haben wir festgestellt, dass diensthabende Ärzte in öffentlichen Krankenhäusern, während ihrer Dienstzeit - obwohl sie „eingestempelt“ haben - nicht anwesend sind. Sie behandeln in ihrer Arbeitszeit außer Haus Privatpatienten, auf eigene Rechnung versteht sich. Abends erscheinen sie nur zum „ausstempeln“ nochmal. Aus diesem Grund werden nur wenige Menschen überhaupt behandelt. In Europa ein klarer Fall von fahrlässiger Körperverletzung, oder sogar fahrlässiger Tötung, in Uganda aber an der Tagesordnung!

Wir sind dabei, Lösungsmodelle mit den Bezirksverantwortlichen zu erarbeiten, um hier eine bessere Versorgung  zu unterstützen. Wir versuchen genügend Medikamente auf unseren Fahrzeugen mit zu führen, um Notfallpatienten unmittelbar zu versorgen und auch die erforderlichen Medikamente und Geräte für die Krankenhausbehandlung sicher zu stellen. Zu diesem Zweck führen unsere Fahrzeuge mehr als 420 verschiedene Medikamente und alle Geräte in doppeltem Bestand mit.  Zurzeit geben wir die Medikamente noch kostenlos ab, bis zu welchem Umfang dies in der Zukunft möglich sein wird, muss sich zeigen.

 

Infrakstruktur ist kaum vorhanden

Es fehlt in ganz vielen Gebieten noch an jeglicher Transportmöglichkeit für Patienten und Notfallpatienten. Teilweise steht nicht einmal ein Motorrad zur Verfügung.  Auch mit ursächlich für dieses Problem, ist die mangelnde Sachkenntnis und Minderkompetenz bei den Verantwortlichen für die Fahrzeugbeschaffung im öffentlichen Bereich. Es wird viel Geld in ungeeignete und nicht den Gegebenheiten angepasste Fahrzeuge investiert, die dann nach kurzer Zeit defekt sind und über Jahre auf den Innenhöfen der Kliniken und Institutionen vor sich hinrosten.

Oft sind es nur kleine Ursachen, die nicht repariert werden und nach kurzer Zeit ein Fahrzeug zum Schrotthaufen werden lassen. Die geringe Kompetenz der Mechaniker tut ein Übriges, um die Situation zu verschärfen. Wären alle vorhandenen, nicht fahrbereiten Fahrzeuge betriebsbereit, gäbe es fast schon genug Transportkapazitäten im Land. An vielen Stellen sieht man durchaus geeignete Fahrzeuge, die nach minderschweren Defekten ihrem Schicksal überlassen werden.

Dies ist einer der Gründe dafür, dass wir für alle von uns eigesetzten Fahrzeuge, der alleinige Eigentümer bleiben und das Fahrzeugmanagement nicht in die Hände der unterstützten Kliniken und Gesundheitsstationen abgeben.

 

Falsche Investitionen sind die Regel

In einer Gemeinde im Westen Ugandas, in der es nicht eine einzige asphaltierte Straße gibt, wurde die Straßenversion des neuen Modells des Toyota Hiace - ohne Allrad, ohne Schlechtwegepacket, ohne Zusatzluftfilter aber mit treibstoffzehrender Automatik und Straßenbereifung - als Ambulanzfahrzeug  gekauft. Für den gleichen Preis hätte man auch einen einfachen Land Cruiser mit Schaltgetriebe, Luftfilterpacket und Allterrainreifen bekommen können.

Als Konsequenz dieses unvernünftigen Handelns, bleibt das Fahrzeug bei Regenwetter an allen schlecht passierbaren Stellen stecken, es fehlt an Kraftstoff für das durstige Automatikfahrzeug und nach kurzer Zeit versagt der Motor seinen Dienst, da ihm der scharfkantige rote Staub wegen des nicht vorhandenen Zusatzfiltersystens das Genick gebrochen hat. Weil für diesen Fahrzeugtyp aber die Austauschmotore sehr teuer sind, bleibt er wie seine Vorgänger defekt auf den Hinterhöfen stehen und wird das Ziel von Ersatzteildieben. Das Transportproblem besteht wie bisher. Dies ist nur ein Beispiel der landesweiten Fehlorganisation und mangelnder Kompetenz bei Beschaffungen und Wartung von Fahrzeugen und Gerätschaften.

 

Für den Kraftstoff reicht das Geld nicht mehr

Es gibt auch überraschend gut aussehende Fahrzeuge, leider kommt die Ernüchterung, wenn man sich die medizinische Ausstattung und den Ausbildungsstand des Personals anschaut. Aus mir unverständlichen Gründen sind Automatikfahrzeuge in Afrika sehr beliebt, obwohl die Fahrzeuggeneration, die dort genutzt wird, erheblich mehr Treibstoff in der Automatikversion verbraucht, als ein baugleiches Fahrzeug mit Schaltgetriebe. So kommt es, dass viele Leute ein Fahrzeug besitzen, aber kein Geld für den Kraftstoff haben.

Mit diesem Problem kämpft auch die Polizei, vielerorts steht kein Kraftstoff für die schönen Toyota Hilux Polizeifahrzeuge mit Automatikgetriebe und LED Warnbalken zur Verfügung, die für viel Geld angeschafft wurden. Alternativ eilen die Beamten dann mit den sparsamen 125ccm Polizei Motorädern ohne Warneinrichtungen zu ihren Einsätzen. Dies führt jedoch wiederum dazu, dass an Unfallorten weder eine Absicherung durch gut sichtbares Blaulicht, noch eine Transportoption für Verletzte gegeben ist.

 

Keine funktionierende Koordination der Einsätze

Es wurden Millionen von Dollar in ein modernes Digitalfunknetz investiert, welches auch ganz gut funktionieren würde, wenn es über eine richtige Leitstelle, die über alle nötigen Informationen und Kontaktnummern verfügt, geschaltet wäre. Die GPS-Ortung der verschiedenen Fahrzeuge fehlt hier ebenso. Ein gut ausgebautes, modernes Analogfunknetz an dem möglichst alle Hilfsdienste angeschlossen sind, wäre hier die deutlich bessere Entscheidung gewesen.

In Europa wollte man mit der Einführung des Digitalfunks im Polizei und Rettungsdienst erreichen, dass nur die angesprochenen Teilnehmer die für sie bestimmte Information erhalten und nicht mit irrelevanten Funkgesprächen belästigt werden. In Uganda, wo die koordinierte Kontrolle einer professionellen Leitstelle fehlt, hat es aber die Konsequenz, dass freie Kräfte die sich nahe eines Unfallgeschehens befinden, nichts von dem Unfall oder Notfall in ihrer unmittelbaren Nähe mitbekommen. Durch die fehlende GPS-Ortung hat die Zentrale über den Standort der Fahrzeuge ebenso keinerlei Überblick. Wir hoffen, in naher Zukunft eine integrierte Leitstelle in Betrieb nehmen zu können. Für die Aufschaltung auf dieses Funknetz werben wir bei allen ansässigen Organisationen.

 

Schulungen für Polizisten sind unumgänglich

Leider haben Polizisten in Uganda keinerlei erste Hilfe Ausbildung, obwohl sie oft die Einzigen sind, die vor Ort die Verletzten bergen und transportieren! Unser Angebot, die Polizisten alle in einen einwöchigen Grundkurs in den wesentlichsten Maßnahmen zu unterrichten, wird wegen des zu bezahlenden Zeitaufwandes nicht von allen Distrikten angenommen. Was alle Distrikte jedoch gemeinsam haben ist der Mangel an Ausrüstung, zur Bergung und Versorgung von Unfallopfern und zum Absichern von Unfallstellen. Je weiter man sich von der Hauptstadt entfernt, umso deutlicher werden die Defizite.

Aus Gründen der Treibstoffersparniss werden immer noch der Motor und die Beleuchtung einschließlich der Blaulichter an den Unfallstellen abgeschaltet. Wodurch man, bei Dunkelheit und Regen, die nachtblauen Polizeifahrzeuge ohne jede Reflexbeklebung erst wahrnimmt, wenn man in sie hinein gefahren ist. Gleiches gilt für die schwarzen oder steppengrünen Uniformen der Beamten. Einziger Lichtblick sind die weißen Uniformen der Verkehrspolizei, die aber oft mit nachtblauen Überjacken verhüllt werden. Mehr und mehr kommen nun in der Nacht Warnwesten zum Einsatz, was die Erkennbarkeit deutlich verbessert.