Gemeinsam für eine bessere
medizinische Versorgung in Ostafrika

Die Geschichte hinter Kilimanjaro Doctors

Der Verein Kilimanjaro Doctors e.V. ist aus einem bewegenden Ereignis heraus entstanden. Nehmen Sie sich ein paar Minuten Zeit und erfahren Sie mehr über die Hintergründe:

"Ostafrika war mir aus dem Weltkundeunterricht auf dem Gymnasium nur in schwacher Erinnerung. Eigentlich wusste ich so gut wie nichts darüber. Eine Arbeitskollegin, die ursprünglich aus Kenia kommt, lud mich und eine weitere Kollegin ein, sie bei ihren Eltern, die mittlerweile in Uganda leben, zu besuchen. Wir versuchten uns über Ostafrika, insbesondere Uganda, Kenia und Tansania zu informieren, aber die Ausbeute war eher spärlich. Wir beschlossen einige nützliche Medikamente, Erste-Hilfe-Material und ein kleines Doktorskit mitzunehmen, da unsere Freundin uns gewarnt hat, dass es vieles dort nicht gäbe."

 

Erste Eindrücke vor Ort

Uganda war aber ganz anders, als das Bild, das wir uns aus Internetrecherchen und Hochglanzreiseprospekten gemacht hatten! Wir waren bei einer, für ugandische Verhältnisse, wohlhabenden Familie unserer Kollegin zu Gast, also nicht im Hotel. Vieles erschien uns fremd und gewöhnungsbedürftig. Für uns beide war es der erste Aufenthalt außerhalb eines Hotels in Afrika. Wir lernten, dass draußen auf einem offenem Feuer gekocht wird, selten drinnen in der Küche auf dem Gaskocher und dass die landestypischen Gerichte besser schmecken, als wir erwartet hatten, das „Weißen“ immer der doppelte Preis auf den Märkten abverlangt wird und das handeln zum Alltag gehört.

Das zur Essenszubereitung verwendete Wasser wird abgekocht und frisches Obst und Gemüse gründlich gewaschen. Alles besser als wir vermutet hatten. Die Menschen waren freundlich, aufgeschlossen und kommunikativ, die Reisewarnungen im Internet schienen uns schon etwas übertrieben. Natürlich gibt es Diebstahl, Betrug und Gewalt, wie in jedem anderen Land. Die landestypischen Transportmittel sind Motorradtaxis genannt „Bodaboda“ und kleine Toyota Minibusse (Public Taxis), die man heranwinken und für ein paar Uganda-Schillinge eine Fahrt buchen kann.

 

Lebensfreude und Tod gehen Hand in Hand

Wir lernten, dass man Krankheit oder Tod noch oftmals als unabwendbares Schicksal betrachtet und selten einen Arzt oder gar ein Krankenhaus aufsucht. Wir ließen uns erklären, dass man auf dem Lande die Toten der Familie, neben dem Haus begräbt und dass dies die Familienangehörigen selbst tun. Ganz anders, als wir es in Europa kennen. Das Nachtleben ist jedoch durchaus mit dem der europäischen Länder vergleichbar - es gibt in den größeren Städten viele Clubs und Discos, Restaurants und Kneipen mit Livemusik, einer angenehmen Atmosphäre und sehr moderaten Preisen.

Es war Samstagnacht gegen drei Uhr, als wir uns nach einem gelungenen Abend in einer ebenjener ugandischen Diskotheken auf den Heimweg machten. Auf den Bodabodas wehte uns der warme Nachtwind entgegen. Dann, ein paar Kilometer vor dem Dorf unserer Freundin entfernt, gab es einen großen Menschenauflauf auf der Straße. Wir fragten unsere Kollegin, was denn dort los sei? Sie erklärte uns, dass ein Mädchen von einem Auto überfahren worden ist. Wir wollten sofort dort hin, aber sie meinte, dies sei in der Nacht zu gefährlich. Wir ignorierten sie und drängten uns durch die Massen zum Geschehen vor. Unsere Freundin schickten wir mit dem BODABODA nach Hause, um unseren Notfalltasche zu holen.

 

Nächtlicher Einsatz in Ost-Afrika

Wir wurden bereitwillig von den Polizisten durchgelassen, als wir uns als deutsche Mediziner zu erkennen gaben. Es war noch nichts geschehen, das Mädchen lag bewusstlos und stark blutend neben dem Auto. Wir fragten den Polizisten, ob denn schon ein Rettungswagen unterwegs sei? Doch er lachte nur und sagte: „Ihr seid hier nicht in Deutschland, hier gibt es nachts keine Ambulanzen! Außerdem hat das Mädchen kein Geld, also gibt es auch keinen Arzt für sie!“ Meine Kollegin und ich schauten uns verständnislos an. Wir konnten zunächst nicht glauben, was wir da hörten! Meine Begleitung erwiderte in ihrer resoluten Art: „Ich bin Notärztin aus Deutschland und ich brauche hier sofort einen Rettungswagen für dieses Mädchen! Sie muss sofort in ein unfallchirurgisches Krankenhaus!“

Aber der Polizist lachte sie aus und sagte: „Wenn Sie einen Rettungswagen haben, können Sie den ja rufen!“ Außerdem wird nachts im Krankenhaus nichts gemacht. Wir haben nachts keine Notaufnahme.“ Ich fragte ihn, wie denn üblicherweise die Verletzten transportiert werden. Er zeigte auf den Pickup der Polizei und sagte: „Dort auf der Ladefläche transportieren wir die Verletzten!“ Er habe aber kein Verbandmaterial und auch kein Schienungsmaterial in Auto. Wir stellten bei der sogenannten Erstanamnese schnell mehrere Knochenbrüche, Platzwunden und Rippenbrüche, sowie eine Einblutung in den Abdomen (Bauchbereich) fest. „Polytrauma!“ sagte meine Kollegin mit sorgenvoller Miene. Nun erreichte unsere Freundin mit der Notfalltasche die Unfallstelle. 

 

Notdürftige Erstversorgung

Wir legten dem Mädchen einen Stiffneck (Halskrause) an, legten einen peripheren Zugang, sicherten die Atemwege und legten sie achsengerecht auf eine Decke, die eine Anwohnerin zur Unfallstelle gebracht hatte. „Wir brauchen eine Vakuummatratze“, sagte meine Kollegin hilfesuchend. Aber dies sollte nicht das Einzige bleiben, das uns in dieser Nacht fehlte. Passanten brachten uns ein brauchbares breites Holzbrett, welches sich als Spineboard eignete. Wir waren froh, dass wir doch noch zwei Samsplint-Alufixierschienen eingepackt hatten. So organisierten wir uns mit dem, was wir hatten.

 

Helfende Hände

Ich war erstaunt, wie eifrig die umstehenden Passanten uns zu unterstützen versuchten, dies kannte ich so nicht aus Deutschland. Anschließend brachten wir das Mädchen so behutsam wie möglich auf die Ladefläche des Pickup. Wir erklärten dem Polizisten, dass er möglichst langsam über die schlechten Straßen, aber dennoch zügig zum nächst größeren Krankenhaus fahren soll. Auch ohne verletzt zu sein, war die Fahrt auf der Ladefläche des Pickups alles andere als angenehm. Dass die meisten Unfallopfer das nicht überlebten, verwunderte uns nicht. Die unmittelbare Nähe zur Sirene machte jede Kommunikation für uns unmöglich. Wir erreichten das ca. fünfzehn Kilometer entfernte, öffentliche Krankenhaus nach knapp fünfzehn endlosen und anstrengenden Minuten.

Die Nachtschwester öffnete, von der Sirene des Polizeiwagens aufgeweckt, die Tür zur Notaufnahme „Was wollt ihr denn hier um diese Zeit?“ fragte sie. „Es ist kein Arzt da! Die kommen erst um acht!“ Wir beeilten uns das Mädchen schonend auf ein Rollbett zu legen. Die Schwester fragte mich zweifelnd „Und die Lady im roten Minikleid und High Heels ist wirklich Notärztin? „Ja und sie ist die beste, die ich kenne!“, entgegnete ich, während ich die Untersuchungen und OP Vorbereitungen mit ihr durchführte. Das Krankenhaus war - sagen wir - “minimalistisch“ ausgestattet. Alles, was wir uns erhofft hatten, vorzufinden, gab es nicht. Der Chefarzt wird nicht sehr froh sein, dass ihr das hier alles selbstständig macht!“, meinte die Nachtschwester noch, half uns aber bereitwillig. Zweieinhalb Stunden später schoben wir das Mädchen in den Überwachungsraum, sie war außer Lebensgefahr und „soweit stabil“, wie der Mediziner sagt.

 

Der Morgen danach

Als der erste Arzt um ca. 07.30 Uhr kam, fragte er wer die Patientin im Überwachungsraum sei. Die Schwester sagte: „Das ist das Mädchen, welches vor das Taxi gelaufen ist, letzte Nacht!“ Der Arzt rief aus seiner Umkleide: „Und wieso lebt die noch?“ „In deinem Zimmer sitzen zwei Deutsche. Die haben sie heute Nacht operiert.“ Der Arzt stürzte mit aufgerissenen Augen aus der Umkleide und stolperte ins Zimmer „Was!?“ „Guten Morgen! Hier sind die Protokolle und die Patientenakte.“

Diese hatten wir so gut es ging mit der Schwester erstellt. Er las und sagte langsam, während wir das Krankenzimmer betraten: „Das ist ja wirklich verdammt gute Arbeit. Ich kann gar nicht glauben, dass sie noch lebt!“ Nach einer Tasse Kaffee und einem langen Gespräch verabschiedeten wir uns und ein Krankenhausfahrer brachte uns nach Hause. Wir haben noch viele Tage über diese Nacht gesprochen und überlegt, wie man mit solch einer Situation umgehen soll.

 

Die Dankbarkeit einer Mutter

Ein paar Tage später kam eine einfach gekleidete Frau mit einem Korb voller Obst und einem gegrillten Hähnchen zum Haus der Eltern unserer Freundin und fragte, wo die „Musungu Doctors“ sind. So nennt man in Ost-Afrika weiße Ärzte. Es war noch recht früh und wir waren noch nicht unterwegs. Sie kniete nieder und übergab uns die Geschenke. Wir erfuhren, dass die Frau die Mutter des verunfallten Mädchens war. Sie konnte kein Englisch und die Mutter unserer Freundin übersetzte für uns aus Luganda, eine der wichtigsten Sprachen Ugandas. Sie weinte fürchterlich und unsere Freunde übersetzten, dass die Frau sich so große Sorgen mache, weil sie nicht wisse, wie sie uns bezahlen soll, denn sie habe kaum Geld. Wir waren berührt und beeindruckt. Wir ließen ihr erklären, dass es nichts zu bezahlen gebe und alles sei in Ordnung. Die Frau war davon überzeugt, der liebe Gott persönlich habe ihrer Tochter mitten in der Nacht diese Ärzte geschickt. 

 

Eine Idee nimmt Gestalt an

Die Eltern unserer Freundin luden die Frau zum gemeinsamen Essen ein und wir erfuhren noch mehr über das Problem mit der Notfallversorgung und der fehlenden medizinischen Hilfe in Ost-Afrika. Ich war der Meinung: „Wir müssen hier was machen!“ Meine Kollegin sagte jedoch, dass sie so etwas nie wieder erleben möchte, es seien die schlimmsten Stunden ihres Lebens gewesen und sie werde nie wieder in diesen Teil der Welt reisen. So machte ich mich alleine auf den Weg, um mit dem Leiter der Verkehrspolizei zu sprechen und einen Termin mit dem Verwaltungsleiter der öffentlichen Distrikt-Krankenhäuser zu machen.

Ich sprach mit privaten Krankenhausbetreibern, mit der UN, dem Internationalen Roten Kreuz, dem Arbeiter Samariter Bund - alle haben Büros in der Hauptstadt Kampala. Das Resultat meiner Erkundungen war ernüchternd. Zusammengefasst erklärten mir alle, dass dies nun einmal ein Entwicklungsland ist und man die Situation im Griff habe, alles brauche halt seine Zeit und ich solle mir keine weiteren Gedanken machen.

 

Erfahrungen aus erster Hand gaben den Ausschlag

Sprach man mit den Leuten auf der Straße, mit den Krankenschwestern und den Polizisten, so zeichneten diese ein ganz anderes Bild der Situation. Alle sprachen von Untätigkeit, dass sich seit Jahrzehnten nichts spürbar verbessert hat und dass außer Meetings und Versprechen in den Zeitungen und im Fernsehen nichts geschehen ist. Ich beschloss mir ein konkretes Bild von der Situation zu machen und reiste erneut für drei Monate nach Uganda. Da ich noch keinerlei Ortskenntnisse besaß, mietete ich ein Bodaboda, welches mich vier Wochen quer durchs Land fuhr.

Ich sprach mit Straßenkindern, Telefonkartenverkäufern, Polizisten, Ärzten, Verwaltungsbeamten, Bürgermeistern, Taxifahrern und Hausfrauen. Ich besuchte zehn öffentliche Krankenhäuser und zehn private in unterschiedlichen Regionen. Letztlich kam ich zu dem Schluss, dass das, was mir in den Verwaltungsbüros der Hilfsorganisationen und von den Vertretern des Ministeriums in der Hauptstadt erzählt wurde, nicht viel mit der Realität gemeinsam hat."

 

All diese Erfahrungen führten zu einer Entscheidung - es war die Idee geboren, eine eigene Organisation zu gründen!

 

Die aktuelle Situation vor Ort

Schaut man sich in Uganda, Tansania und Kenia um, so findet man auch moderne und einigermaßen gut ausgestattete Rettungsfahrzeuge - zwar sehr wenige, aber es gibt sie. Sie gehören jedoch teuren privaten Krankenhäusern, die nicht zu Unfällen oder allgemeinen Notfällen ausrücken, sondern nur auf Anforderung wohlhabender Privatpatienten oder Regierungsfunktionären. Schaut man sich vielerorts die heruntergekommenen, öffentlichen Krankenhäuser an, so scheinen sie zunächst in ihrer Kapazität und Größe dem Bedarf zu entsprechen. Wenn man jedoch genauer hinschaut stellt man fest, dass die meisten Geräte kaputt, überaltert oder erst gar nicht vorhanden sind.

 

Die Ausgangslage kann durch einfache Schritte verbessert werden

In vielen Krankenhäusern gewinnt man den Eindruck, dass Diagnostik nicht unbedingt zu den Stärken der dortigen Ärzte zählt. Hier könnte man vielerorts Wissen weitergeben. Ambulanzfahrzeuge sind oft in ausreichender Zahl und neuerer Bauart vorhanden, aber meistens gibt es so gut wie gar keine Ausstattung. Zudem sind sind die Fahrzeuge leider sehr oft kaputt, es fehlen Ersatzteile oder niemand kann sie reparieren. Der Faktor Wartung scheint hier ein besonderes Problem darzustellen. In einigen Regionen gab es kein Geld für Diesel, um die Fahrzeuge zu betanken.

 

Fehlende Technik kostet Leben

Ein weitere Schwierigkeit ist, dass es in den meisten Distrikten keine Feuerwehren gibt, sodass es nach einem Unfall auch keine technische Unterstützung gibt, um Verletzte zu bergen oder verkeilte Fahrzeuge, die die Rettung behindern, zu entfernen. Gerade das Fehlen von Bergungsgeräten kostet viele eingeklemmte Patienten das Leben! Brennende Fahrzeuge können nicht gelöscht werden.

Ein Polizist berichtet mir, dass er zusehen musste, wie eine eingeklemmte Patientin nach einem Verkehrsunfall viele Stunden lang schrie, weil es nicht gelang sie aus dem Fahrzeug zu befreien. Sie verstarb an der Unfallstelle. Anhand dieser Schilderungen wird schnell klar, dass die Rettungsfahrzeuge, die in Uganda zum Einsatz kommen sollen, deutlich anders ausgestattet sein müssen, als solche, wie wir sie in Europa verwenden. Öffentliche Krankenwägen unterstehen der Verkehrspolizei oder den öffentlichen Krankenhäusern, die Ausstattungen sind, sofern man überhaupt von „Ausstattung“ sprechen kann, minimalistisch und keinesfalls ausreichend, um schwere Verkehrsunfälle oder Herzinfarkte zu behandeln. Außerdem ist das eingesetzte Personal oft nicht in der Lage die erforderlichen Maßnahmen durchzuführen. In den Hauptstädten sieht es ein wenig besser aus, als in den ländlichen Gebieten.

 

Was wird benötigt?

Idealerweise müssen Rettungsfahrzeuge dort mit großen Feuerlöschern und Bergungsgerätschaften, wie wir sie von der Feuerwehr kennen, ausgerüstet werden. Auch sind mehr Material und Medikamente, als wir es gewohnt sind, notwendig, da die Transportwege deutlich länger sind und die Ziel-Krankenhäuser oft kein ausreichendes oder kein geeignetes Material für die Weiterversorgung der Patienten haben.

Eine Labordiagnostik ist nur in größeren Krankenhäusern möglich, auch dort findet man aber deutliche Mängel in der Personalqualifikation. Kompliziert wird es alleine schon dadurch, dass es in den Regionen keine einheitlichen Notrufnummern gibt. In vielen Gebieten wird die Polizei über eine Amtsnummer verständigt, die in den Distrikten nicht gleich ist. Die einzelnen Nummern sind vielen nicht bekannt. Die Krankenwagenfahrer der Krankenhäuser werden durch die Polizei über Mobiltelefon verständigt, sie besitzen genau wie die Polizei keinerlei medizinische Ausbildung. 

Wenn man Glück hat fährt eine Krankenschwester mit. Diese Alarmierung funktioniert oft schlecht oder auch gar nicht! Durch fehlende Ausbildung und Ausstattung werden oft belanglose Verletzungsmuster für die Betroffenen zur Katastrophe. In vielen Regionen werden Notfalltransporte immer noch mit Fahrradanhängern durchgeführt, was weder schnell noch patientengerecht ist. An Notfallrettung ist so nicht zu denken.